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Agathe Marie Dorothea Zeis, geborene Rudolf; geboren 29.05.1840 bei Oschatz, gestorben 27.12.1887 in Bern.

Sie war die Ehefrau von Hermann Alexander Zeis vom Gut Heinrichsthal bei Radeberg in Sachsen.

Frau Zeis führte um 1883 den französischen Camembert in Deutschland ein.

Sie unterrichtete Töchter von Landwirten in der Milch- und Hauswirtschaft und schrieb um 1880 eines der ersten milchwirtschaftlichen Lehrbücher ("Die Milch und die Butter") , das handschriftlich erhalten ist und erstmals 2010 herausgegeben wurde.

Seit 1937 existiert für sie eine große hölzerne Gedenktafel im Sitzungssaal der Heinrichsthaler Milchwerke in Radeberg, das zweite deutsche Käsereidenkmal. Ein für sie geplantes Denkmal in Bern/ Schweiz wurde nie verwirklicht. Ihr Grabstein stand bis etwa 1950 auf dem Bremgarten-Friedhof in Bern/Schweiz.

Artikel in der "Deutschen Molkerei-Zeitung", Kempten, 60. Jg., 1939, Heft 22, S. 709 bis 713,
Sächsische Pioniere in der Milchwirtschaft

Seite 1

Hofphotograph W. Höffert, Dresden
(Geburtsort vermutlich bei Oschatz)

Molkerei Heinrichsthal Radeberg auf der Ausstellung "Sachsen am Werk", 1937

hölzerne Gedenktafel im Sitzungssaal der Heinrichsthaler Milchwerke in Radeberg

Die Gedenktafel in Heinrichsthal bei Radeberg in Jahr 2008;
Foto Werner Meyer, Krefeld

hölzerne Gedenktafel im Sitzungssaal der Heinrichsthaler Milchwerke in Radeberg

Der erste deutsche Camembert aus Heinrichsthal

(Aufschrift auf der Gedenktafel (siehe oben) von 1937 für Agathe Zeis in Radeberg/Sachsen)

Es war im Jahre des Heils Eintausendachthundertachtzig, daß am 1. Juli eine ehrsame Frau aus altem sächsischen Bauerngeschlecht, Agathe Zeis mit Namen, die Heinrichtsthaler Milchindustrie gründete. Stund in jenen Zeiten gar schlecht um die sächsische Milchwirtschaft. Nur wenig und geringes Vieh war in den Ställen und wenig und gering war, was die Kühe an Milch lieferten. Denn man wußte in jenen Zeiten nicht, was anfangen mit dem weißen Segen, den die Kuh spendet. Kaum, daß man auf den Höfen Butter und einigen kärglichen Handkäse aus der Milch bereite. Auf deren Wochenmärkten bot man diese feil und begnügte sich mit Hellern und Pfennigen als Erlös.
Die Magermilch ward verfüttert, und schier möchte man sagen, daß der Stalldung dem Bauern werter erschien als die Milch. Es begab sich aber zu jener Zeit, daß einer der Lefeld geheißen, die erste Milchzentrifuge erbaute.
O
b auch der gemeine Mann nicht ahnte, was damit geschehen, so erkannte mit wenigen anderen auch unsere
Agathe Zeis mit klarem Blick, es sei hiermit etwas geschaffen, daß hinfüro der Milchwirtschaft eine neue Grundlage geben würde. So gründete denn unsere Agathe Zeis, der kluge, tüchtige Sproß aus bäuerlichem Geschlecht, eine
Lehrmeierei im Vorwerk Heinrichtsthal bei Radeberg, und fand die Unterstützung eines hohen Sächsischen
Landeskulturrates. So geschehen anno 1880, als Frau Agathe im 40. Jahre ihres Lebens stund. Und ruhte nicht und rastete nicht, gab Rat und bot die Hand, so daß andere neuzeitliche Milchbetriebe erstanden. Denn Frau Agathe war selbstlos und uneigennützig, obzwar selbst nicht gesegnet mit großen irdischen Gütern. Männiglich erkannte man, wie Frau Agathe, die Bäuerin, einzig der Landwirtschaft und ihrem Volk zu dienen bestrebt war. Obige Figura zeigt die Meierei Heinrichsthal in dem Jahre, da sie gegründet worden war. Schöner Erfolg war Frau Agathe beschieden und ihrer Lebens- und Arbeitskameradin Toni Voigt. Die Meierei blühte und gedieh und gar bald mußte man auf Erweiterung und Vergrößerung der Räumlichkeiten bedacht sein, bis daß endlich jene stattliche Anlage entstanden war, als welche die Meierei Heinrichsthal sich heute darstellt.

Lang war der Weg bis hierher, und nicht wäre das Werk gelungen, ohne die Tatkraft der Frau Agathe.
S
ie scheute nicht Zeit und nicht Kosten, um nach Frankreich zu gehen und dort im klassischen Lande der Käserei die Herstellung jenes köstlichen Erzeugnisses zu erlernen, so Fromage de    Camembert genannt wird. Heimgekehrt ward sie die erste, welche deutschen Camembert herstellte – nicht nur gleich gut wie der französische. Nein, gar besser war, was Frau Agathe zu bereiten verstand. Zur Hoflieferantin ward sie ernannt und hochgepriesen die hochherzige Selbstlosigkeit der edlen Frau:
Nicht hütete sie ängstlich das Geheimnis, das sie ergründet. Nein, sie lehrte es zahlreichen Schülerinnen und
Schülern, auf daß auch andere deutsche Meiereien dieser Kenntnis teilhaftig wurden!
Höchste Auszeichnung ward ihr zuteil, als anno 1886 der Deutsche Milchwirtschaftliche Verein ihr seine goldene
M
edaille verlieh, welche die einzige war, so der Verein vergeben hat. Nicht war Frau Agathe ein langes Leben beschieden: Es war 1887, daß sie die Augen für immer schloß und in der Stadt Bern in der Schweiz von dankbaren Schülerinnen zur ewigen Ruhe geleitet ward. Der Nachwelt aber geben die nebenstehenden Dokumente und Urteile kund, was Agathe Zeis gewesen und wie groß der Wert ihrer Erzeugnisse und ihrer Arbeit ist. Fünfzig Jahre hindurch hat diese Arbeit fortgeführt Albert Linke, der getreue Mitarbeiter und Chronist dieser großem Frau. Neunzehnhundertsiebenunddreißig ist er heimgegangen, der fortschrittlichsten Milchwirtschaftler einer, den Deutschland hatte. Das  Erbe aber wird in Heinrichsthal treulich gehütet heut und in aller Zeit.

Ab- und Umschrift Dr. C.-L. Riedel,
Krefeld 7. September 2008

 


Dr. C.-L. Riedel, Krefeld

Heinrichsthaler Milchwerke in Radeberg 130 Jahre

Am 1. Juli 2010 jährt sich die Gründung eines erfolgreichen Unternehmens zum 130. Mal. Dies wurde bereits am 19. Juni am "Tag der Milch" mit etwa 250 Ehrengästen und rund 12 000 Besuchern gefeiert. Geschäftsführer Uwe Lammeck begrüßte dazu den sächsischen Staatsminister Frank Kupfer, den Oberbürgermeister von Radeberg Gerhard Lemm und Fachkollegen von Nah und Fern.

Zu diesem Jubiläum wurde im Festzelt gefeiert und auf einem großen Milch- und Käsemarkt Spezialitäten, vor allem der "Heinrichsthaler" angeboten. Die neueste Käsevariante des Betriebes sind "KÄSE-FÜSSE" (Goudascheiben in Fußform).

Die Heinrichsthaler Milchwerke stellen heute vor allem Scheiben- und Reibekäse (Emmentaler und Gouda) her, von denen etwa 70 % an Großverbraucher und Catering sowie 30 % in den Einzelhandel gehen. Das Produktionsvolumen beträgt derzeit 35 000 Tonnen Käse, der von 200 Mitarbeitern hergestellt wird und einen Umsatz von 130 Millionen Euro erbringt. Die Marke "Heinrichsthaler" ist ebenso bekannt wie die Handelsmarken in den Ketten Aldi, Rewe, Edeka, Kaufland und Netto.

Im Jahr 2006 entdeckte das Unternehmen die Marktlücke "lactosefreien Käse", die auch Exportmärkte eröffnet hat. Geschäftsführer Uwe Lammeck gibt als derzeitige Exportländer Portugal, Spanien, Großbritannien, Griechenland, Ungarn, Frankreich (vor allem Emmentaler) und Skandinavien (spezielle selbstentwickelte Käsesorten) an. Der Exportanteil der Milchwerke liegt bei über 70 %.

Zum Jubiläum wurde durch den Minister Frank Kupfer das neue Lager- und Logistikzentrum mit Photovoltaiksystem eingeweiht, das für rund 10 Millionen Euro hinter der bestehenden Produktionshalle errichtet wurde (600 m2 für ca. 6 000 Paletten und ca. 4 000 t Käse).

Die nächste Investition ist schon geplant: Im historischen Firmengebäude soll eine Schaukäserei entstehen, in der auch wieder Camembert produziert werden soll. Damit knüpft Lammeck an die Tradition des Hauses an, in dem Frau Agathe Zeis – die Firmengründerin – vermutlich als erste diese Käsesorte in Deutschland produzierte und auch königliche und herzogliche Hoflieferantin wurde. Frau Zeis wird im Betrieb durch das 2. Käsedenkmal Deutschlands – eine Schautafel – geehrt. Frau Zeis, die auch Vorsteherin der Lehrmolkerei war, hat um 1880 auch ein "Lehrbuch zur Ausbildung junger Mädchen in der Haus- und Milchwirtschaft" geschrieben, das anlässlich des Jubiläums erstmals veröffentlicht wurde und den Lebensweg von Agathe Zeis, die Geschichte des Betriebes und des Camembert darstellt (Agathe Zeis: Die Milch und die Butter. Ein Lehrbuch von 1880; Verein Milch & Kultur, Köln 2010, 22,50 €; Bestellung: carl-ludwig.riedel@arcor.de).

Zu DDR-Zeiten war der Betrieb in Radeberg zentraler Camembert-Produzent. Derzeit wird diese Spezialität im Lohnauftrag von einer Firma bei Leipzig hergestellt. Mit der geplanten Schaukäserei für zwei Millionen Euro soll Camembert an seine erste Produktionsstätte zurückkehren und die regionale Verwurzelung ausdrücken.

Seit 1994 gehört das Unternehmen einer Genossenschaft aus rund 40 kleinen und größeren landwirtschaftlichen Betrieben, die die Milchversorgung sichern. Die Eigenkapitalquote liegt bei 46 %. Dem über 130 Jahre gewachsenen und stabilen Unternehmen seien zumindest weitere 100 Jahre gewünscht und dem Camembert und anderen Käsesorten ein nie endender Absatz.

 

Karl Hoefelmayr - Gründer der Edelweiß-Camembertfabrik in Kempten

Karl Hoefelmayr - Gründer der Edelweiß-Camembertfabrik in Kempten

Vertrag zwischen der Firma Heinrich Prinz, Gensungen und Herrn Albert Linke,
Inhaber der Firma Meierei Heinrichsthal, Radeberg vom 13. September 1924
mit dem dazugehörigen Etikett "KRONEN-KÄSE und Prinzen Kleinod"

(Etiketten und Vertrag: Spende von Walter Pohlmann, Bad Wildungen)

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